Sehen im Außen oder im Inneren

12.5.2026

Ich habe fast ein Jahr mit Instagram gerungen. Mir immer wieder dieselbe Frage gestellt:

Bin ich wirklich das, was ich nach außen zeige?

Ist es stimmig, Bilder und Reels souverän, ästhetisch und perfekt inszeniert zu teilen, wenn das wirkliche Leben doch viel verletzlicher, stiller und manchmal auch unklar ist?

Parallel zu meinem eigenen Prozess des „Zurück zu mir“ begann mir die Welt von Instagram Fragen aufzuwerfen. Einerseits genieße ich all die schönen Inspirationen, farbenfrohe Bilder, Ästhetik, KreativeIdeen. Eine Welt voller Schönheit, die mich berührt und gleichzeitig an das Nutzen dieses Tools bindet.

Und dennoch spürte ich immer deutlicher: Etwas daran entspricht nicht ganz meiner Wahrheit.

Nicht, weil mein Leben nicht schön wäre. Im Gegenteil. Ich bin dankbar für Vieles, das ich leben darf. Aber ich merkte, wie gewohnt ich mich auf der Lebensbühne bewege, die oft lieber das Oberflächliche berührt als die Tiefe. Großartige Menschen haben für mich und mein Geschäft Content kreiert. Fotografen, Kreative, Ästheten. Es entstanden wunderschöne Bilder, an denen ich mich ehrlich erfreute. Professionell, klar und stimmig. Und doch war da immer dieses leise „Aber“ in mir. Ein kaum greifbarer Widerstand wechselte sich mit innerer Unruhe ab. Bis sich irgendwann ein ehrliches Gefühl in mir aufdrängte: Etwas an dem, was ich zeige, ist nicht vollständig wahr. Ich zeigte zwar, was ich tue, aber nicht vollkommen, wer ich bin.

Hinterjedem Beitrag steckt Aufwand, Planung, Kreativität und Präsenz, mit dem Ziel: Gesehen werden! Durch Reichweite und Wirkung, Erfolg sichtbar zu machen. Instagram spiegelte mir exakt denselben inneren Konflikt, den ich aus anderen Bereichen meines Lebens bereits kannte. Ich zeigte mich auf eine Weise, die ich innerlich nicht zu 100% bejahen konnte.

Vor wenigen Wochen nahm ich im Urlaub eher zufällig (wobei ich längst nicht mehr an Zufälle glaube, sondern daran, dass das Leben uns führt) ein Buch mit: Haben oder Sein von Erich Fromm. Ein großartiges Werk, das mir half, vieles in mir zu beleuchten und zu ordnen. Fromm beschreibt zwei Grundhaltungen des Menschen:

Das Haben: Sich über Besitz, Leistung, Wirkung und das Außen zu definieren.

Und, Das Sein: Sich aus dem auszudrücken, was man im Innersten wirklich ist.

Dieser Gedanke begleitet mich eigentlich schon lange. Doch die Klarheit, mit der Fromm ihn beschreibt, schenkte mir plötzlich eine neue Differenzierung.

Sinngemäss schreibt er, dass wir in einer Welt leben, in der Menschen oft mehr darum bemüht sind, zu erscheinen, zu leisten und zu gelten, als wirklich zu sein. Dass Aktivität häufig nur dazu dient, inneren Mangel zu überdecken. Und dass echte Lebendigkeit nicht aus ständigem Tun entsteht, sondern aus einem Zustand von Präsenz, aus dem Gewahrsein seiner selbst.

Diese Zeilen entlarvten mich und einer meiner tiefsten Mängel in mir, mit denen ich je in Berührung kam.

Obwohl ich seit vielen Jahren meditiere und mich intensiv mit innerer Arbeit beschäftige, erkannte ich plötzlich einen blinden Fleck. Die stille Angst, ohne Sichtbarkeit nicht wirklich zu existieren.

Im Urlaub ließ ich die Trauer zu, die sich unerwartet zeigte. Ich stellte mich dem Schmerz und dem unermesslichem Gefühl, nicht da zusein. Und langsam verstand ich:

Ich war nicht falsch unterwegs. Aber ich hatte aus Selbstschutz und Überlebensstrategie immer wieder leicht an meiner Wahrheit gefeilt. Nicht bewusst. Nicht böse gemeint. Aber eben auch nicht vollkommen ehrlich zu mir selbst. Ich hatte begonnen, Dinge zu tun, um sichtbar zu bleiben. Und genau dort entstand die Unstimmigkeit, die mich innerlich so lange begleitet hatte.

Bis schliesslich eine ganz stille Erkenntnis auftauchte und plötzlich Luft, Raum und Freiheit entstand: Meine Wahrheit braucht kein Mehr. Und kein Müssen.

Nicht mehr produzieren, zeigen oder mithalten, um wertvoll zu sein. Ich darf einfach ICH sein, darf zurückkehren zu dem, was mein Leben, mein Beruf und meine Berufung ursprünglich ausmacht: Begegnung und echtes Sehen.

Und auf Instagram möchte ich künftig nur noch das teilen, was mir wirklich Freude oder Spass macht. Vielleicht liegt genau darin die grösste Veränderung. Man darf mich und mein Tun sehen, aber nicht mehr um jeden Preis. Und wenn das geschieht, braucht es plötzlich nicht mehr viel.

Nur eines: Echte Begegnung.

Pamela Pagliara
Pagliara+ Sehen beginnt mit einer Begegnung.

Pamela Pagliara

Pamela Pagliara

Inhaberin & Optikerin