Voreinigen Wochen begann bei uns die Kampagne Origami. Ein Kranich aus Papier, eine Form, die bereits im leeren Blatt verborgen liegt und sichtbar wird durch die richtige Faltung.
Eigentlich wie beim Menschen. Denn vielleicht zeigen auch wir unsere wahre Form erst durch all die Faltungen des Lebens…?!
Origami.
Das alte japanische Wissen, dass bereits alles im Blatt vorhanden ist und lediglich durch die richtige Abfolge von Faltungen sichtbar wird.
Mich berührte dieser Gedanke tief, weil er uns Menschen ähnlicher ist, als wir glauben.
Denn auch wir tragen bereits alles in uns:
Unsere Stärke, unsere Verletzlichkeit, unsere Wahrheit, unsere Ängste, unsere Schönheit, die mit jeder Faltung sichtbarer und gleichzeitig all das, was durch Erziehung, Erwartungen, Dogmen oder gesellschaftliche Rollen verdeckt, angepasst oder klein gehalten wird.
Vielleicht ist das Leben nichts anderes als die Kunst, all das in eine Form zubringen, die sichtbar werden darf?
Noch während ich über den Kranich nachdenke, drängen weitere Gedanken ins Bewusstsein auf.
Wenn alles bereits in uns angelegt ist, was führt uns dann zu den Entscheidungen, die uns formen? Welche davon sind richtig? Und warum?
Diesen Gedanken folgend gesellt sich zum Kranich ein weiteres Origami, das uns allen sehr vertraut ist:
Das Schnipp Schnapp.
Alleine sein Name lässt eine alte Freude aus der Kindheit auftauchen. Wir alle haben es gefaltet. Haben Zahlen genannt. Farben gewählt. Links oder rechts entschieden.
Und uns dabei vom Spiel durch Möglichkeiten führen lassen, neugierig, welches Resultat sich wohl zeigen mag. Dieses einfache Spiel aus Kindertagen, mit dem wir Entscheidungen trafen, lange bevor wir verstanden, was Entscheidungen überhaupt bedeuten.
«Links oder rechts?»
«Ja oder nein?»
«Bleiben oder gehen?»
Und plötzlich begriff ich:
Das Schnipp Schnapp war nie nur ein Spiel sondern eher ein früher Versuch, dem Leben Richtung zu geben, ohne die Verantwortung ganz selbst tragen zu müssen.
V E R A N T W O R T U N G
So ein grosses Wort oder auch nicht.
Vielleicht tun wir Menschen genau das unser ganzes Leben lang. Wir suchen Zeichen um Sicherheit zu erzeugen, Bestätigungen um Fehler zu verhindern. Wir suchen eine Stimme ausserhalb von uns, die sagt:
«So ist es richtig.»
Doch führt uns jede Entwicklung irgendwann an denselben Punkt wo wir selbst entscheiden müssen.
In den vergangenen Tagen wurde mir bewusst, wie sehr mein eigenes Leben von einem tiefen Bedürfnis nach Freiheit geprägt war. Nicht nur von jener romantischen Freiheit, die nach Abenteuer und Reisen klingt, oder
nach jener unbändigen Lebendigkeit, die ich verspüre, wenn ich mit meinem Motorrad durch Landschaften fahre. Sondern vor allem von einer viel tieferen Freiheit: Freiheit als Sicherheit.
Ich glaube, dass wenn ein Mensch früh erlebt, dass Nähe mit Anpassung verbunden ist und dass Erwartungen mit Lob vermeintlich Zugehörigkeit erzeugen, die das eigene Wesen überdecken und man sich selbst vollkommen verliert, dann entsteht die Angst vor Enge. Und plötzlich wird Freiheit nicht mehr nur ein Wunsch, sondern ein Schutzmechanismus.
Doch Flucht und Freiheit allein genügen nicht um das Wesentliche in sich selbst zu erfahren. Das ungefaltete Blatt ist zwar grenzenlos frei, aber wird sich vielleicht niemals zum Kranich entfalten.
Aus meiner Sicht ist jeder Knick im Leben wertvoll und dient dazu, wenn man deren Gefangenschaft durch Anpassung verlässt, als erste wahre Möglichkeit langsam sichtbar zu werden und sich auf die noch unsichtbare Form einzulassen. Vielleicht beginnt wahres Leben genau dort. Wo Freiheit autark eigene Formen zulässt und Pflicht zum Verbündeten macht. So wie ein Musiker nicht mehr aus Zwang, sondern aus Liebe zur Musik übt oder eine Mutter die nicht alleine aus Pflicht, sondern aus Liebe zum Kind Verantwortung und Pflicht in sich trägt.
Und genau dort geschieht etwas Wunderbares: Pflicht und Freiheit hören auf, Gegensätze zu sein. Pflicht wird weich, weil sie freiwillig gewählt wird. Und Freiheit wird ruhig, wenn sie die Form der Flucht verlassen darf. Dies zu erkennen, dass Hingabe an eine Aufgabe nicht automatisch Selbstverlust bedeutet. Dass Struktur nicht immer Gefangenschaft ist und dass Disziplin manchmal nichts anderes ist, als Liebe in wiederholter Form.
Das Schnipp Schnapp erscheint plötzlich wie ein Sinnbild unseres Lebens.
Wir öffnen und schliessen Möglichkeiten.
Wir suchen Antworten.
Wir sehen Chancen.
Wir fürchten falsche Entscheidungen.
Und tief in uns hoffen wir, dass sich irgendwann etwas vollkommen stimmig anfühlt, ohne zwischen Pflicht und Freiheit wählen zu müssen. Ob ich zur Arbeit gehe oder mich heute lieber aufs Motorrad schwinge. So formt sich Entfaltung durch Freiheit zur Hingabe.
Und vielleicht beginnt Sehen genau dort: Mit einer Begegnung. Denn Begegnungen lassen uns entfalten.
Pamela Pagliara
Pagliara+ Sehen beginnt mit einer Begegnung.







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