Es gibt Worte, die zunächst wie eine einfache Beschreibung klingen und mit der Zeit eine viel tiefere Bedeutung entfalten.
Eines dieser Worte ist für mich: S E C O N D O
In der Schweiz bezeichnet es Menschen, deren Eltern eingewandert und die selbst hier geboren oder aufgewachsen sind. Es beschreibt keine Persönlichkeit oder Lebenshaltung und auch keine Wesensart - und doch erzählt dieses Wort von einer ganz besonderen Lebenswirklichkeit.Von Menschen, die schon früh lernen, zwischen zwei Kulturen zu leben.
Zu Hause gelten oft andere Werte, andere Traditionen, eine andere Sprache und ein anderes Lebensgefühl, als draußen in der Schule, im Beruf oder in der Gesellschaft. Viele Secondi entwickeln dadurch unbemerkt eine besondere Fähigkeit.
Sie lernen zwischen Welten zu wechseln. Sie hören verschiedene Sprachen und irgendwann auch die Sprache unterschiedlicher Herzen. Sie entwickeln ein feines Gespür dafür, was Menschen verbindet, obwohl sie verschieden sind. Vielleicht ist das der Grund, dass sie meist eine lebenslange Frage begleitet: Wo gehöre ich eigentlich hin?
Doch mit den Jahren verändert sich diese Frage.
Aus Entweder/Oder wird, bzw. entfaltet sich, zum Sowohl – als Auch. Und Ja, irgendwann geschieht etwas Wunderschönes. Man erkennt, dass man sich gar nicht entscheiden muss und man trägt beide Welten längst in sich.
Die Schweiz schenkt vielen von uns Struktur, Verlässlichkeit, Präzision,Verantwortung, Beständigkeit und ruhige Schönheit.
Italien (in meinem Fall) schenkt Wärme, Beziehung, Improvisation, Genuss, eine unmittelbare Lebendigkeit und vielfältige Ästhetik.
Natürlich sind das keine festen Regeln. Jede Familie/Umgebung ist anders. Jeder Mensch ist einzigartig. Und doch spüre ich immer wieder, wie sich diese beiden Kulturen auf eine wunderbare Weise ergänzen.
Dort, wo die eine ihre Grenzen erreicht, beginnt oft die Stärke der anderen. Nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung, wie ein besonderes Geschenk. Man besitzt nach aussen zwei Identitäten, aber eigentlich ist es die Fähigkeit, Gegensätze miteinander zu verbinden bzw. zu entfalten.
Es entsteht etwas, das weder nur schweizerisch noch nur italienisch ist. Etwas Neues. Eine Synthese. Kein Kompromiss sondern eine neue Form.
Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich, dass mich genau diese Erfahrung geprägt hat und es meine Liebe zu Menschen und deshalb zur Begegnungen so sehr prägen konnte. Vielleicht fasziniert mich deshalb das Sehen weit über das Auge hinaus. Vielleicht suche ich nicht nach Unterschieden, sondern nach dem, was Menschen miteinander verbindet. Und vielleicht begleitet mich deshalb seit einiger Zeit das Bild des Origamis.
Ein einziges Blatt Papier.
Falte für Falte entsteht daraus etwas, das vorher nicht sichtbar war.
Keine Falte macht die vorherige rückgängig.
Jede Einzelne gehört dazu.
Erst alle zusammen schenken dem Papier seine neue Gestalt.
Genauso empfinde ich meine Wurzeln. Ich musste nie wählen, welche Kultur die Richtige ist. Denn Keine nimmt der Anderen etwas weg. Im Gegenteil. Wo das Eine fehlt, ergänzt das Andere und genau darin liegt ihre Schönheit. Das ist nicht nur die Geschichte vieler Secondi, sondern beschreibt etwas zutiefst Menschliches.
Wir verbringen so viel Zeit damit, Gegensätze aufzulösen, wo doch das Leben oft genau dort, wo wir beginnen, sie miteinander in Beziehung zu bringen, entsteht.
Ordnung braucht Lebendigkeit.
Vernunft braucht Gefühl.
Präzision braucht Schönheit.
Und Freiheit braucht Wurzeln.
Wie unsere beiden Augen. Jedes sieht die Welt aus einem leicht anderen Blickwinkel. Erst gemeinsam entsteht räumliches Sehen. Nicht wenn wir uns für eine Seite entscheiden. Sondern wenn wir den Mut haben, beide Welten in uns willkommen zu heißen. Denn vielleicht ist genau das die eigentliche Berufung eines Secondo und eines jeden von uns.
Nicht zwischen zwei Kulturen zu leben.
Sondern Brücken zu bauen.
Zwischen Menschen.
Zwischen Welten.
Und zwischen Herzen.
Pamela Pagliara
Pagliara+ Sehen beginnt mit einer Begegnung.









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